Existenzangst: Bauern blockieren Strassen

In Indien sind die Bauern unzufrieden mit der Agrarpolitik. Der Staat will den Sektor deregulieren. Vor allem Kleinbauern fürchten um ihre Existenz. Sie tun ihren Ärger mit Blockaden kund.

Die Landwirtschaft hat in Indien immer noch eine wichtige Stellung. Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt ist zwar zwischen 1983 und 2001 von 39 % auf 24 % gesunken. 2013 lag der Wert noch bei knapp 14 Prozent.

Bisher Mindestpreise

Viel wichtiger ist die Landwirtschaft aber bei der Beschäftigung. 2005 arbeiteten 259 Millionen Personen im Sektor, 2013 waren es noch 243 Millionen. Das sind immer aber noch 50 % aller Arbeitsplätze, heisst es im Länderbericht der deutschen Agrarministerium.

In Indien sind die Bauern nun aber verunsichert. Die Pläne der Regierung von Premier Narendra Modi sehen eine Deregulierung vor. Bisher können Landwirte ihre Produkte an staatliche Kooperativen verkaufen, die ihnen Mindestpreise garantieren.

85% kleiner als 2 ha

Teil des neuen Gesetzespakets der Regierung ist es nun, den Markt für private Käufer zu öffnen, um die Zwischenhändler auszuschalten. Gemäss der Regierung können die Bauern auf dem freien Markt höhere Gewinne erzielen.

Dass vielen Bauern um ihre Existenz fürchten, hat auch mit der Betriebsgrösse zu tun. 2010/11 betrug die Durchschnittsfläche der 138 Mio. Betriebe im Land 1,16 ha. 85 % der Betriebe bewirtschaften weniger als 2 ha Land. Insgesamt entfallen auf diese Kategorie 45 % der Gesamtfläche.

Die meisten Betriebe in Indien bewirtschaften weniger als 2 Hektaren.
Bishnu Sarangi

Regierung fördert grössere Betriebe

Rund 10 Prozent der Gesamtfläche wird von 0,7% der Betriebe bewirtschaftet, die mit einer Fläche von über 10 ha als Grossbetriebe gelten. Das sind gemäss dem Bericht des deutschen Agrarministeriums fast 1 Mio. Betriebe. Die grössten 170’000 Landwirte bewirtschaften im Schnitt je 37 ha.

Gemäss dem Agrarbericht nimmt die durchschnittliche Betriebsgrösse durch Erbrecht und einzelbetriebliche Obergrenzen, die nach der Unabhängigkeit eingeführt wurden, fortlaufend ab. Die Regierung gibt hier Gegensteuer, indem sie grösseren Betrieben besseren Zugang zu Krediten, Technologie und Betriebsmittel gewährt. Mit einer Liberalisierung dürften sich ein Strukturwandel hin zu grösseren Betrieben verstärken. Das wäre im Sinn der Regierung.

Bauern befürchten Preisverfall

Die Bauern befürchten wegen der Liberalisierung zudem einen Preisverfall, weil sie sich in Verhandlungen mit Grosskonzernen in einer schlechten Position wähnen. Stark in der Kritik bei den Bauern sind vor allem zwei Unternehmen.

Gemäss einem Bericht der «NZZ» werden die Unternehmen der beiden reichsten Inder, Mukesh Ambani und Gautam Adani von Modis Regierung bevorteilt. Die Bauern befürchten nun, bald zu Tiefstpreisen an solche Grossunternehmer verkaufen zu müssen. Die Landwirte verweisen hierbei auf den Bundesstaat Bihar. Hier ist der Markt bereits liberalisiert. Die Produzentenpreise sind um 25 bis 30 Prozent gesunken.

«Unsere Kinder werden hungern, was könnte mehr Sorgen bereiten als das?», sagte Landwirt Ved Singh gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Aufgrund der tieferen Produzentenpreise werde die Existenzgrundlage von kleineren Bauern zerstört. Deshalb blockieren seit Wochen zehntausende Bauern Strassen um die indische Hauptstadt Neu-Delhi herum mit Barrikaden.

«Reformen sind notwendig»

Gemäss afp wollen sie so lange protestieren, bis die Agrarreformen von der Regierung zurückgenommen würden. In bisher fünf Runden konnten sich die Minister und Bauernvertreter bei den Differenzen nicht einigen .

Dass sich die Bauern durchsetzen werden, erscheint eher unwahrscheinlich. Premier Narendra Modi erklärte am Montag, Reformen seien notwendig für wirtschaftliche Entwicklung des Landes. «Wir können nicht das neue Jahrhundert mit Gesetzen aus dem vergangenen Jahrhundert gestalten», sagte er.

Damit dürften die Proteste noch länger anhalten. Und allenfalls auch nicht mehr so friedlich. «Unsere Traktoren sind unsere Panzer», sagte Jatar Singh (60) zur «NZZ».

Proteste könnten Regierung gefährlich werden

Unterschätzen darf die Regierung die Proteste aber nicht. «Tatsächlich könnten sich die Bauernproteste für sie als eine grössere Herausforderung herausstellen als die monatelangen Demonstrationen indischer Muslime gegen ein neues Staatsbürgergesetz vor einem Jahr», schreibt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».

Die Bauern haben in der Gesamtbevölkerung viel Rückhalt. «Zudem kommen die Proteste zu einer Zeit, in der Indien durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie und den Einbruch der Wirtschaft stark geschwächt ist», schreibt die «FAZ» weiter.

Source: https://www.schweizerbauer.ch/politik-wirtschaft/existenzangst-bauern-blockieren-strassen/

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