Bauernproteste in Indien

22.12.2020

Bildnachweis: Randeep Maddoke (Headerbild und Vorschaubild)
SL
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Silva Lieberherr ist zuständig für Landrechte bei Brot für alle
und hat ihre Doktorarbeit über Bauernbewegungen in Indien geschrieben.
Bhakti G. lebt in Mumbai und macht im Moment ihren Master in Development Studies.
Vor einem Jahr sind sie zusammen durch Indien gereist und haben viele Bauernaktivisten besucht.

Hoffnung auf einen Wandel

Zehntausende Bäuerinnen und Bauern campieren seit Wochen an den Stadtgrenzen von Indiens Hauptstadt New Delhi und blockieren strategisch wichtige Autobahnen und Eisenbahnstrecken. Sie haben eine gemeinsame klare Forderung: Die Regierung muss die neuen Agrargesetze, die sie im September verabschiedet hat, zurückziehen.

Nicht nur in Delhi, in ganz Indien sind Bauern auf der Strasse. Einer von ihnen ist Suddam Pawar. Er demonstriert in der Nähe der Kleinstadt Wardha im Bundesstaat Maharashtra. «Die Gesetze sind ein direkter Angriff auf die Bauern», sagt er. Sie würden vor allem die Kleinbauern treffen, aber auch grössere Betriebe sowie die Landarbeiter. Pawar ist Mitglied einer dieser zahlreichen kleinen Bauernorganisationen, die im ganzen Land Proteste organisieren. «Wir werden alle Dörfer in unserem Distrikt besuchen und unseren Brüdern und Schwestern erklären, warum diese Gesetze so schlimm sind», sagt Pawar.

Die Bauern befürchten, dass sie durch die neuen Gesetze den Zugang zum staatlich regulierten Marktsystem verlieren, dem sogenannten Mandisystem. Dort können die Bauern ihre Ernte zu staatlich garantierten Mindestpreisen verkaufen. Die neuen Gesetze fördern den Handel ausserhalb des Mandisystems, deshalb befürchten die Bäuerinnen und Bauern zu Recht, dass sich dieses Mandisystem auflösen wird. So können etwa Supermärkte dank der neuen Gesetze Waren direkt von den Bauern kaufen. Das Argument der Regierung, dies sei für die Bauern von Vorteil, kommt bei den Protestierenden gar nicht gut an. «Die Konzerne werden uns nur ausnutzen. Natürlich gibt es Korruption, aber wir brauchen die Mandis. Sie sind ein Unterstützungssystem für alle Bauern», stellt Jujhar Singh klar – ein Kleinbauer aus dem Bundesstaat Punjab, der in Delhi demonstriert.

Die grossen Geschäftsimperien, die von den neuen Gesetzen profitieren dürften, sind mit der Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP) eng verhängt. «Eine dieser grossen Supermarktketten ist Reliance fresh, die der Familie von Mukesh Ambani gehört», erklärt R. Ramakumar, Wirtschaftsprofessor in Mumbai. Ambani ist einer der reichsten Inder. Ein anderer, dessen Firmen ebenfalls profitieren dürften, weil die neuen Gesetze auch eine Liberalisierung der Lebensmittellager bezwecken, ist Gautam Adani. «Das Unternehmen Adani Logistics, das der Regierungspartei sehr nahesteht, hat kürzlich erhebliche Investitionen in diesem Bereich getätigt. Sie kontrollieren 30-50 Prozent der Kühllogistik», so Ramakumar.

Die Bauernproteste sind nicht die ersten, seit die Regierung von Narendra Modi 2014 an die Macht kam. Als Folge einer ganzen Reihe von Massnahmen, die gegen die Kleinbäuerinnen gerichtet waren, wuchsen Widerstand und Wut. Bäuerinnen und Bauern haben sich in den letzten Jahren deshalb stärker organisiert und zu losen Kollektiven und Bauernparlamenten zusammengeschlossen. Das ermöglicht den aktuellen Widerstand, der ein historischer Moment ist für die indischen Bauernbewegungen. Die Proteste sind nicht nur riesig, sondern voller Hoffnung, dass damit eine weitere Machtübernahme der Konzerne geschwächt werden kann.

Viele bisherige Proteste gegen die Regierung wurden von dieser als «antinational» gebrandmarkt. Intellektuelle und Aktivistinnen wurden wegen angeblich «antinationaler» Aktivitäten verhaftet, wenn sie sich für Rechte von Muslimen oder Dalits (ehemalige Unberührbare) einsetzten. Aber die Bauernproteste sind für die Regierung schwieriger zu verteufeln, auch wenn sie es versucht hat. Die Bauern haben einen grossen Rückhalt in der Bevölkerung. Und auch wenn die Protestierenden politisch nicht alle einig sein mögen, solidarisieren sich jetzt viele von ihnen mit diesen politischen Gefangenen. Joginder Ugrahan, Präsident der grossen Bauernorganisation BKU, erklärt der online-Zeitung The Wire warum: «All diese Aktivisten und Intellektuellen wurden unter falscher Anklage verhaftet, nur weil sie sich für die Armen einsetzten. Darum fordern wir ihre Freilassung.»

Diese Solidarität klingt für mich fast ein wenig wie Weihnachten. Sie ist ein guter Anfang für einen Wandel in Indien.

Source: https://brotfueralle.ch/bauernproteste-in-indien/

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