Der große Marsch auf Delhi

INDIENS BAUERN AUSSER SICH

Indiens Landwirte fürchten um ihre Existenz. Am Nationalfeiertag dringen sie ins Zentrum Delhis vor. Gewalt und eine umstrittene Flagge lösen Unmut aus – sind die Bauern zu weit gegangen?

Zehntausende Bauern, die seit Monaten vor den Toren Delhis ausgeharrt hatten, um gegen neue Landwirtschaftsreformen zu protestieren, sind nun doch noch bis in das Zentrum der indischen Hauptstadt vorgedrungen. Ihr Protest führte sie ausgerechnet am indischen Nationalfeiertag, der am Dienstag mit einer Militärparade im Zentrum Delhis begangen worden war, bis an das „Rote Fort“.

Von den dicken Mauern der aus der Zeit der muslimischen Mogulkaiser stammenden Festung wendet sich Indiens Ministerpräsident Narendra Modi sonst gern an das Volk. Auf dem Weg zu dem Fort kam es während des Protests an verschiedenen Orten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Bauern, die Sorgen vor finanziellen Einbußen haben, durchbrachen die Polizeibarrikaden und ließen sich selbst durch Tränengasschüsse nicht vertreiben. Ein Demonstrant kam ums Leben.

Gespräche ohne Lösung

Um das Chaos in den Griff zu bekommen, stellten die Behörden in den Protestgebieten für zwölf Stunden das mobile Internet aus. Ein Beobachter verglich die Bauern mit Vögeln, die plötzlich aus ihrem Käfig befreit worden seien. In ihrem Übermut sorgten die Landwirte dafür, dass es selbst denjenigen, die eigentlich mit ihnen sympathisieren, zu viel wurde.

Vor allem, dass ein Demonstrant in dem Fort an einem freien Fahnenmast eine Flagge der Sikhs gehisst hatte, einer Glaubensrichtung, der viele der aus dem Bundesstaat Punjab stammenden Bauern angehören, wurde vielfach kritisiert. Die Aktion wird als geschmacklos empfunden, da Indien am 26. Januar jedes Jahr an das Inkrafttreten der Verfassung an diesem Tag im Jahr 1950 erinnert. Dieses Datum steht nicht nur für die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht, sondern in gewisser Weise auch für die Geburt Indiens als multikultureller Einheitsstaat. Über dem „Roten Fort“ dürfe, so die Meinung der meisten Inder, an so einem Tag nur die Nationalflagge wehen.

Die Entscheidung der Bauern, ihren Marsch auf Delhi auf diesen Tag zu legen, hatte schon zuvor zu ungewöhnlichen Bildern geführt. Das indische Fernsehen zeigte zeitweise beide für den Tag geplanten „Paraden“ parallel zueinander in einem zweigeteilten Bildschirm. Auf der einen Seite waren die Soldaten zu sehen, die während der offiziellen Feier im Stechschritt marschierten. Auf der anderen Seite zogen die Bauern auf ihren Traktoren und zu Fuß in die Stadt hinein. Für Ministerpräsident Modi entwickelt sich der Bauernprotest nun immer mehr zu einer Peinlichkeit. Nicht nur weil er die offizielle Feier in den Schatten stellte, sondern auch weil er die Grenzen seiner Macht aufzeigte, die nach diversen Wahlsiegen auf nationaler und regionaler Ebene eigentlich längst größer ist als die der meisten Regierungschefs in den vorangegangenen Jahrzehnten.

Doch diverse Gesprächsrunden der Regierung mit den Bauernverbänden haben bisher keine Lösung gebracht. Das Angebot Delhis, die Gesetze in einigen Punkten zu ändern, lehnten die Bauern ab. Selbst als das Höchste Gericht intervenierte und die Gesetze vorerst auf Eis legte, machten die Bauern, die überwiegend aus den Staaten Punjab und Haryana kommen, mit ihrem Protest weiter. Sie wollen nur die komplette Rücknahme der Reformen akzeptieren und befürchten, dass die Reformen sich negativ auf ihre Einkünfte auswirken und ihre Existenz gefährden.

„An der Schwelle zum Hunger“

Die Gesetze sehen unter anderem vor, dass die Landwirte ihre Produkte nun überall und an jeden Abnehmer direkt verkaufen können. Bisher durften sie Grundnahrungsmittel wie Reis und Weizen nur auf von der Regierung kontrollierten Großhandelsmärkten verkaufen. Dafür waren ihnen Mindestabnahmepreise garantiert.

Nun fürchten die Demonstranten, dass die Kleinbauern nicht mehr mit den landwirtschaftlichen Großbetrieben konkurrieren können. Nach Monaten des Protests hat sich bei den Bauern der Frust aufgestaut. Im Demonstrationszug zeigte sich das am Dienstag an dem trotzigen Ausdruck in ihren Gesichtern. Ein Mann mit dem Namen Bharat Yadav, der aus dem Bezirk Ghaziabad in Uttar Pradesh gekommen war, schlug sich theatralisch auf die Brust: „Ich bin ein Bauer. Wir sind die Söhne von Bauern. Wir werden ungerecht behandelt. Die Bauern stehen an der Schwelle zum Hunger. Herr Modi, kommen Sie in unser Dorf, und sehen Sie selbst!“, sagte er der F.A.Z. Die Regierung solle endlich die Gesetze zurücknehmen und den Bauern wieder Mindestpreise garantieren. Erst dann sei man zur Aufgabe bereit.

Einige Bauern versprachen denn auch, nach ihrem Zug in Delhis Zentrum in ihre Protestlager an den Zufahrtstraßen zurückzukehren. Nach anfänglicher Ablehnung hatten die Behörden den Demonstranten den Einzug in die Hauptstadt zuvor unter der Voraussetzung erlaubt, dass sie der offiziellen Parade nicht in die Quere kämen.

Doch einige Bauern waren von der genehmigten Route abgewichen. Der Journalist Harish Khare nannte den Protestzug einen „Karneval des Trotzes“. Yogendra Yadav, dessen Partei Swaraj India die Proteste unterstützt, sagte: „Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes, in der Geschichte der Parade zum Tag der Republik, wird das Volk in die Hauptstadt ziehen und das System zwingen, seine Stimme zu hören.“ Es ist aber fraglich, ob sich die Bauern mit dem Marsch auf Delhi selbst einen Gefallen getan haben.

Mitarbeit: Raghavendra Verma, Delhi

Source: Indiens Bauern außer sich: Der große Marsch auf Delhi (faz.net)

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