Bauernmacht

Indiens Premierminister hat im Streit mit den Bauern eingelenkt. Das ist ungewöhnlich – und klug.

Von David Pfeifer

Ein kluger Mensch ändert seine Meinung, wenn neue Informationen dies notwendig machen. Narendra Modi, Indiens Premierminister, ist ohne Frage ein kluger Mann, aber seine Meinung scheint er nie zu ändern. Vermutlich weil er weiß, dass die Wähler ein kurzes Gedächtnis haben und dass man immer besser mit guten Nachrichten assoziiert werden sollte als mit schlechten. Besonders auffällig wurde das, als Modi im Januar stolz den Sieg über das Covid-19-Virus verkündete – und im Mai, als die Menschen in Delhi und anderswo an den Folgen dieser Fehleinschätzung starben, aber von Modi nichts mehr zu sehen und zu hören war. Diese Technik hat durchaus Erfolg, seine Umfragewerte sind in der Pandemie zwar abgestürzt, doch er ist immer noch mit Abstand der beliebteste Politiker im Land.

Zum ersten Mal hat der Premier eine Niederlage eingestanden

Nun also hat Modi in seiner Rede an die Nation die vielen Millionen Bauern im Land angesprochen, deren Vertreter seit mehr als einem Jahr die Hauptstadt belagern und gegen die Reformen der Regierung ankämpfen. Er hat ihnen zugesichert, dass ein Expertengremium neu nachdenken wird. Die Argumente waren spätestens seit Januar ausgetauscht, da hatte ein Gericht eine Aussprache erzwungen, die ergebnislos verlief. Seitdem gab es keine Verhandlungen mehr, nur noch Blockaden. Aber im kommenden Jahr sind Wahlen in zwei großen Bundesstaaten, und Bauern sind auch Wähler. Narendra Modi hat also keine neuen Informationen aufgenommen, er musste nur seine Haltung ändern. Das ist auch klug, allerdings nicht im Sinn einer geänderten Meinung.

Source: https://www.sueddeutsche.de/meinung/indien-narendra-modi-bauern-proteste-wahlen-1.5468213

  • 1,110